🔊Deckname „Ringeltaube“ – Über die Entstehung der OT-RĂŒstungsbauten unter der Oberbauleitung Ringeltaube in den Jahren 1944/45

von Anton Posset, aufbereitet von Manfred Deiler.
Erstveröffentlichung in: Landsberg im 20. Jahrhundert – Themenhefte zur Landsberger Zeitgeschichte – Heft 4: Das KZ-Kommando Kaufering 1944/45: Die Vernichtung der Juden im RĂŒstungsprojekt „Ringeltaube“ – ISBN: 3-9803775-3-9
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Als Albert Speer am 9. Februar 1942 die Aufgaben des tödlich verunglĂŒckten Fritz Todt ĂŒbernimmt, fordert er in einem Schreiben an den StaatssekretĂ€r im Luftfahrtministerium, Erhard Milch, den Baustop fĂŒr Belegschaftsbunker bei Industriebauten. Am 17. MĂ€rz 1942 erlĂ€ĂŸt er ein umfassendes Bauverbot. Um den Produktionssektor besonders zu unterstĂŒtzen, sollten Baumaßnahmen aller Art eingeschrĂ€nkt werden. Ab Juli 1943 kommt es in Speers Ministerium zu Auseinandersetzungen ĂŒber den kĂŒnftigen Weg: Speer will die in der RĂŒstung bereits erfolgreich angewandten GrundsĂ€tze der Selbstverwaltung der Industrie auch in der Bauwirtschaft einfĂŒhren. Die „Organisation Todt“, deren vorrangige Aufgaben in den besetzten Gebieten liegen, bemĂŒht sich, auch AuftrĂ€ge im Reich zu ĂŒbernehmen. Speers Vertreter, Ministerialdirektor Xaver Dorsch, genießt die UnterstĂŒtzung Adolf Hitlers. WĂ€hrend Speer die Einstellung von langfristigen Baumaßnahmen forderte, hatte Hitler den Weiterbau von Projekten befohlen, die erst in den Jahren 1947/48 fertig werden sollten, um so die RĂŒstung auf weite Sicht auszuweiten.

Als ab 1943 die Fliegerangriffe11 immer heftiger werden, scheint Speer der Einsatz von BaukrĂ€ften und Baumaterial im Sommer 1943 fĂŒr Großbauten auf weite Sicht unzweckmĂ€ĂŸig. Aber Hitler verlangt den Bau mehrerer Großbunkerfabriken fĂŒr die Flugzeugproduktion nach dem Vorbild der U-Bootbunker. Hitler war – anders als Speer – auf dem Standpunkt, dass dem Bombenkrieg nur so begegnet werden könne.

Erst die Operationen der alliierten BomberstreitkrĂ€fte unter dem Codenamen „Big Week“ brachten einen grundsĂ€tzlichen Wandel im Denken ĂŒber die Errichtung von unterirdischen Großbauten fĂŒr militĂ€rische Zwecke. Im Rahmen von „Big Week“2 griffen in der Zeit vom 20. bis 25. Februar 1944 3.800 Bomber und 3.673 JĂ€ger schwerpunktmĂ€ĂŸig 21 deutsche Flugzeugwerke, Reparaturwerften und FlugplĂ€tze im gesamten Reichsgebiet an. Am Morgen des 25. Februar 1944 flogen die BomberverbĂ€nde der 8. USAAF (USA Air Force) Bombenangriffe gegen Regensburg, Stuttgart, FĂŒrth und Augsburg. Diese Situation im Augsburger Raum beschreibt in ausgezeichneter Weise die Magisterarbeit an der UniversitĂ€t Augsburg von Markus Pöhlmann (Es war gerade als wĂŒrde alles bersten…, die Stadt Augsburg im Bombenkrieg 1939 – 1945). Auf ihre Ergebnisse stĂŒtzen sich die weiteren AusfĂŒhrungen.

Diese Luftangriffe zerstörten die gesamte Basis der Flugzeug-Zellenfertigung. Bei den Luftangriffen auf Augsburg wird auch das Messerschmitt-Werk zerstört, in dem ebenso wie in Regensburg und Leipheim die laut propagierte „Wunderwaffe“, die „Me 262“, das erste in Serie gebaute Strahlflugzeug, entwickelt und produziert wird. Der alliierten AufklĂ€rung bereitete die Serienproduktion der „Me 262“ Kopfzerbrechen. Die gerade erkĂ€mpfte LuftĂŒberlegenheit könnte gefĂ€hrdet werden. Die britische LuftaufklĂ€rung ĂŒberfliegt ab Januar 1944 die schwĂ€bische Lechebene und macht Luftaufnahmen.

Die Luftbilder, die so im Verlauf des Jahres 1944 entstehen, zeigen, dass auf den „Fliegerhorsten“ Lechfeld und Penzing bei Landsberg Prototypen der „Me 262“ stationiert waren. Diese beiden FlugplĂ€tze werden wiederholt angegriffen. Die Luftaufnahmen von Penzing zeigen die Zerstörung der Start- und Landebahn. FĂŒr die Instandsetzung werden ArbeitskrĂ€fte benötigt, die in Penzing ab 17. Juli 1944 ein Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau stellt.

Augsburg ist zu dieser Zeit ein wichtiger Verkehrs- und Versorgungsknotenpunkt. Es liegt an der Verbindung NĂŒrnberg/MĂŒnchen und weiter in Richtung Italien und Balkanfront und besitzt durch die Bahnlinie MĂŒnchen-Stuttgart eine wichtige Ost-West-Verbindung. Wegen seiner wichtigen strategischen Lage hat Augsburg eine eigene Reichsbahndirektion. In Nord-SĂŒd-Richtung hat die Reichsstraße von Augsburg ĂŒber Landsberg nach Garmisch, weiter ĂŒber Innsbruck und den Brenner nach Italien große Bedeutung. Die zweite wichtige Straße ist die Reichsautobahn von Ulm nach MĂŒnchen. Dadurch wird Augsburg zu einem bedeutenden rĂŒstungsindustriellen Standort in SĂŒddeutschland. Als dieses Zentrum durch die Bombenangriffe vom 25. Februar 1944 schwer in Mitleidenschaft gezogen ist, nahezu alle Flugzeug-Zellenwerke und 400.000 Quadratmeter ArbeitsflĂ€che im Reich zerstört sind, wendet sich am 26. Februar 1944 Generalfeldmarschall Erhard Milch an Speer „mit der Bitte um eine sofortige und umfassende Hilfestellung aller KrĂ€fte des RĂŒstungsministeriums fĂŒr die ÜberbrĂŒckung der katastrophalen FliegerschĂ€den bei nahezu allen Zellenwerken der deutschen Luftwaffenfertigung“.

Nachdem die Verhandlungen ĂŒber eine geeignete Persönlichkeit fĂŒr die Stabsleitung im Sande verlaufen, entscheidet Hitler am 1. MĂ€rz 1944, dass „als technischer Spezialist unter der Leitung von Speer und Milch Herr Karl-Otto Saur die geschĂ€ftsfĂŒhrende DurchfĂŒhrung des JĂ€gerstabes ĂŒbernehmen soll“. Saur war 1937 nach zwölfjĂ€hriger TĂ€tigkeit in der Stahlindustrie von Todt fĂŒr das spĂ€tere RĂŒstungsministerium in fĂŒhrender Stellung gewonnen worden. Am 1. MĂ€rz 1944 wird er Stabschef des „JĂ€gerstabes“ und ist damit fĂŒr den vorsorglichen Luftschutz, die Wiederaufbaumaßnahmen, die Dezentralisierung und den endgĂŒltigen Schutz der JĂ€gerfertigung zustĂ€ndig.

StaatssekretĂ€r Erhard Milch, Generalinspekteur fĂŒr den Luftschutz, ist gemeinsam mit Speer fĂŒr die Überwindung der FertigungseinbrĂŒche, die Maßnahmen zur Dezentralisation und die Untertageverlagerung verantwortlich. Am gleichen Tag wird von Speer ein Erlaß herausgegeben, der der JĂ€gerfertigung den Vorrang vor allen anderen Produktionsaufgaben einrĂ€umt. Der „JĂ€gerstab“ ist als unbĂŒrokratische Einrichtung gedacht, wobei Speer von Anfang an festlegt, dass die fachliche Arbeit in den Ämtern bzw. Dienststellen zu erfolgen habe, denen die Mitglieder angehören. „Diese Anordnung gab die Möglichkeit, die Mitglieder freizuhaben von jeglicher Verwaltungs- und DurchfĂŒhrungsarbeit und vermeidet jede Doppelarbeit“, so die Absicht der Initiatoren des „JĂ€gerstabs“.

FĂŒr den Bau- und Verlagerungssektor werden in den „JĂ€gerstab“ fĂŒr die 16 Aufgabenbereiche 16 Mitglieder berufen, die jeweils verantwortlichen Dienststellen zugeordnet sind (Sofortmaßnahmen nach Fliegerangriffen / technisches Amt / Generalstabsingenieur Lucht; bergbauliche Untertagefragen / Wirtschaftsministerium / Oberberghauptmann Gabel; Nachrichtenmittel / Reichspostministerium / Ministerialrat Zerbel; usw). Dadurch sollte die Effizienz des „JĂ€gerstabes“ von der Organisation her gewĂ€hrleistet sein.

JĂ€gerstab: Karl-Otto Saur – Albert Speer – Erhard Milch (v.l.n.r.)

Stabschef Saur: „Verkehrston und Arbeitsweise des JĂ€gerstabes werden knapp, frei und unbĂŒrokratisch sein. Ein enges kameradschaftliches Band ersetzt alle sonst ĂŒblichen Detailanordnungen“. Jeden Morgen treffen sich die Mitglieder zur Besprechung. Die Protokolle dieser Sitzungen haben Anordnungscharakter fĂŒr alle nachfolgenden Dienststellen. Der Stab unternimmt zahlreiche Fahrten zu den RĂŒstungszentren, um unmittelbare FĂŒhlung mit den verantwortlichen MĂ€nnern vor Ort aufzunehmen. Diese sogenannten „Hubertusfahrten“ sollen die Arbeit intensivieren. Die Position des „Werksbeauftragten“ als örtlicher AktionsfĂŒhrer fĂŒr den Wiederaufbau wird geschaffen: „Die Werksbeauftragten waren autoritĂ€re Helfer in den Betrieben, vor allem im Kampf gegen jede Form der BĂŒrokratie, und ihre reichen Erfahrungen in der DurchfĂŒhrung von Aktionen waren ihr wertvollstes Grundkapital“, umschreibt Karl-Otto Saur in seinen Aufzeichnungen ihre Aufgabe.

Am 4. MĂ€rz 1944 fĂ€llt eine fĂŒr die RĂŒstungsbauten von Kaufering/Landsberg wichtige Entscheidung: Milch und Saur besprechen bei Göring die Aufgaben des „JĂ€gerstabes“. Göring erteilt dem SS GruppenfĂŒhrer und Generalleutnant der Waffen-SS, Dr. Ing. Hans Kammler, eine Sondervollmacht fĂŒr das Untertagebauprogramm. Kammler kommt aus der Bauverwaltung. Er war im Finanz- und im Luftfahrtministerium tĂ€tig, gehört der ReichsfĂŒhrung der SS an. Kammler wird mit seiner Dienststelle beauftragt, die „Sonderbauvorhaben der Liste A und B fĂŒr das JĂ€gerprogramm durchzufĂŒhren“ wobei es sich bei der „Liste A“ um ein Sofortprogramm zum Ausbau geeigneter Anlagen, bei der „Liste B“ um die Neuerrichtung zahlreicher Untertagewerke handelte.

Am 5. MĂ€rz 1944 legt Hitler Einzelheiten fĂŒr das Untertagebauprogramm fest und verlangt, Betonwerke in GrĂ¶ĂŸenordnung von 600.000 bis 800.000 Quadratmetern zu errichten. Die Umschulung und Ausbildung einer genĂŒgenden Zahl geeigneter KrĂ€fte zu Untertage-spezialarbeitern wird befohlen. Zum Zwecke der Dezentralisation und der Untertageverlagerung werden vom 8. bis 24. MĂ€rz 1944 drei JĂ€gerstabsreisen unternommen: nach Wien, in die Ostmark, zu Messerschmitt Regensburg und Augsburg, zu den Werken in Sachsen und ThĂŒringen, zur Zulieferindustrie in den Westen.

Am 28./29. MĂ€rz 1944 reist Saur wegen Untertageverlagerungen nach Pressburg, Budapest und Prag. Es hat den Anschein, daß sich Anfang April 1944 der Schwerpunkt der Untertagebauten mit Hitlers UnterstĂŒtzung auf den Raum Ungarn zu verfestigen beginnt. Aus einer Notiz des Stabsleiters Karl-Otto Saur, ĂŒberschrieben: „Betrifft: Ungarische Juden und ltaliener fĂŒr Untertagebauten“ heißt es, dass Hitler zwei unterirdische Großwerke verlangt. Eines sollte Kammler „als sogenannter Mittelbau im Harz errichten.“ Hitler schlĂ€gt vor, das zweite Werk nach dem Protektorat (Böhmen) zu legen. Dem Einwand, daß dort keine ArbeitskrĂ€fte mehr gewonnen werden können, begegnet er mit der Zusage, dass „er persönlich Himmler anweisen werde, ein entsprechendes Kontingent ungarischer Juden dafĂŒr zu stellen“. Lapidar wird festgestellt: „Der Bau im Protektorat wurde vorbereitet.“

Damit ist zum ersten Mal von Hitler ausgesprochen, wen er fĂŒr den Bau der Untertagebauten als ArbeitskrĂ€fte einzusetzen gedenke. Der Vertreter Himmlers fĂŒr die Untertagebauten, Kammler, hat sicher von diesen VorgĂ€ngen in den JĂ€gerstabssitzungen erfahren. Nichts deutet in diesen ersten beiden Monaten darauf hin. daß die Untertagebauten in den Raum Kaufering/Landsberg kommen sollten.

DafĂŒr schuf eine andere Entscheidung die Voraussetzung: Vom 19. bis 22. April 1944 treffen sich Milch und Saur mit Hitler, Göring und Speer zu mehreren Besprechungen ĂŒber die Konzentration aller Bauorganisationen fĂŒr die Schwerpunktaufgaben der Sicherung der RĂŒstung. Alle Baumaßnahmen sollen einheitlich gefĂŒhrt werden. Am 19. April besprechen sich Milch und Saur mit dem Leiter der OT-Zentrale im RĂŒstungsministerium Xaver Dorsch. Dorsch, langjĂ€hriger Mitarbeiter von Todt beim Reichsautobahnbau, war fĂŒr die Planung und DurchfĂŒhrung der Großbauten im Westen zur Errichtung von bombensicheren MarinestĂŒtzpunkten und des Atlantikwalles zustĂ€ndig gewesen.

Xaver Dorsch

Hitler hatte Dorsch nach Berchtesgaden zitiert und der „Organisation Todt“ den Befehl erteilt, sechs bombensichere JĂ€gerfabriken3 zu errichten. Der Streit um Speers Auffassung ĂŒber die Bauwirtschaft war zugunsten von Dorsch entschieden worden. Dorsch verspricht Hitler die Bauten in sechs Monaten fertigzustellen. Zur gleichen Zeit wird er auch noch von Göring zum Chef der gesamten Luftwaffenbauverwaltung ernannt. Mit Schreiben vom 29. April 1944 an alle Reichsleiter und Gauleiter und einem Abdruck an alle Einsatzgruppenleiter der „OT“ teilt Reichsminister Speer mit:

„Der FĂŒhrer hat befohlen, daß die Organisation Todt im Heimatkriegsgebiet kriegsentscheidende Anlagen zum Schutze der deutschen RĂŒstung in kĂŒrzester Zeit zu errichten habe. Die DurchfĂŒhrung dieser Bauten muß auf Befehl des FĂŒhrers mit allen Mitteln unterstĂŒtzt werden. Ich bitte Sie Herrn Ministerialdirektor Dorsch, der nunmehr fĂŒr das gesamte Bauschaffen im Reichsgebiet und den besetzten Gebieten zustĂ€ndig ist, bei der DurchfĂŒhrung der schweren Arbeit zu unterstĂŒtzen.“

Mit dem Erlaß Speers vom 1. Mai 1944 wird das Amt Bau und die „OT“ zusammengeschlossen. Ihm unterstehen alle in- und auslĂ€ndischen Bauvorhaben, einschließlich der neuen Großbauten fĂŒr die Untertageverlagerung. Die jahrelangen Auseinandersetzungen waren zunĂ€chst beendet. Das Bauwesen war neu geordnet. Dorsch sah sich vor eine schwere Aufgabe gestellt, er mußte die nötigen ArbeitskrĂ€fte in der gespannten Kriegslage beschaffen und bis zum 1. November 1944 die Großbunkeranlagen fertigstellen. Der Aussage Hitlers, Mussolini habe ihm zwei JahrgĂ€nge junger italienischer ArbeitskrĂ€fte zugesagt, schenkt Dorsch wenig Glauben. Dann bietet Hitler 10.000 deutsche OT-Arbeiter aus Rußland-SĂŒd an. Diese aber werden nach Zeugenaussagen von Dorsch am 24.2.1947 vor dem MilitĂ€rgerichtshof nie in seinem Bereich eingesetzt, da Speer sie fĂŒr die bombensicheren Kugellagerfabriken abzweigte und so muß, „als gar nichts kam“, die „OT“ mit
ungarischen Juden bauen.

ZunĂ€chst muß die Frage der Standorte4 der sechs bombensicheren Untertagebauten geklĂ€rt werden. Ich beziehe mich im folgenden nur auf die Teile, die das OT-RĂŒstungsbaugebiet um Kaufering/Landsberg betreffen.
Ein stenographischer Bericht ĂŒber die JĂ€gerstabsbesprechung vom 28. April 1944 im Reichsluftfahrtministerium gibt zum ersten Mal Auskunft darĂŒber, dass der Verbindungsmann zu Dorsch, Professor Casagrande in der Lechgegend Vorerkundigungen eingeholt habe und der Standort dieses Werkes selbst sei. Im Verlauf dieses GesprĂ€ches werden drei Standorte angegeben: Dachau, Landsberg und MĂŒhldorf. Weitere Erkundigungen sollten ĂŒber die Gebiete Prag, Ruhrgebiet und Karlsruhe eingezogen werden.

Casagrande gibt bekannt, daß die sĂŒddeutschen Werke sofort begonnen werden können; es mĂŒĂŸte aber noch die endgĂŒltige Form der Bauten beschlossen werden. Baufirmen mit dem nötigen BaugerĂ€t stĂŒnden zur VerfĂŒgung. Die Frage von Stabsleiter Saur, ob er glaube, daß diese Werke in fĂŒnf Monaten fertig seien, beantwortet Casegrande mit einem klaren Ja.

Die unterirdischen Werke sind aber „kaufmĂ€nnisch noch nicht genĂŒgend unterbaut“. Einer der Teilnehmer schlĂ€gt vor, sie „Reichswerke“ zu nennen und an Konzerne und Firmen zu verpachten. Der Finanzexperte dieser Vorhaben, Professor Karl Maria Hettlage, hatte diese VorgĂ€nge jedoch bereits in Angriff genommen.

Dann schwört der JĂ€gerstabsleiter die Beteiligten ein: “Wir haben vor allem die Pflicht, den Kreis der verantwortlichen MĂ€nner so kameradschaftlich wie nur irgendwie menschenmöglich zu halten; denn wenn in unseren Reihen Zwistigkeiten auftreten oder verschiedene Methoden angewandt werden, dann ist das ein Verbrechen an unserer Aufgabe.“

Inzwischen „haben die alliierten BomberverbĂ€nde in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 die Stadt MĂŒnchen ins Herz getroffen.“ 2.000-Kilo-Bomben werden ĂŒber MĂŒnchen abgeworfen. Zum ersten mal erlebt die Bayernmetropole den Feuersturm. Mindestens 70.000 Menschen werden obdachlos. Nach der Zerstörung Augsburgs war nun auch die „Hauptstadt der Bewegung“ schwer getroffen. Nichtsdestotrotz entscheidet sich die JĂ€gerstabsfĂŒhrung fĂŒr die Errichtung von drei Großbunkern im Raum Landsberg. Material und ArbeitskrĂ€fte mußten immer durch den Raum Augsburg oder MĂŒnchen herbeigeschafft werden. Es ist heute schwer nachvollziehbar, dass trotz der enormen Zerstörung noch der Versuch gewagt wurde, die „kriegsentscheidenden Großbauten“ hier zu errichten.

Die Standortwahl dĂŒrfte zu diesem Zeitpunkt von verschiedenen Gesichtspunkten getragen gewesen sein: Zum einen war da die Aussage des Leiters der „OT“, Xaver Dorsch, dass man ĂŒber Nacht die PlĂ€ne fĂŒr diese Bauten in Berlin abholen könne. Dort hatte der Rektor und Bauprofessor an der Technischen UniversitĂ€t Berlin, Dr. lng. Franz Dischinger, eine Bauweise entwickelt, die arbeitsaufwendige Schalungsarbeiten bei Kuppelbauten ĂŒberflĂŒssig machte. Der „Vater der Schalenbauweise“ hat bei diesen Großbauprojeklen erstmals die Möglichkeit, seine bautechnischen Ideen zu verwirklichen.

Die Lage der Großbaustelle zwischen Augsburg und MĂŒnchen im lĂ€ndlich geprĂ€gten Raum stellte kein besonderes Angriffsziel der alliierten BomberverbĂ€nde dar. Die alte Straßenverbindung von Augsburg ĂŒber Landsberg nach SĂŒden war nicht zerstört. Die Bahnverbindung von MĂŒnchen nach dem Westen war noch unbeschĂ€digt. SĂŒddeutschland war noch kein brennendes Kampfgebiet. Mit ausschlaggebend dĂŒrfte der geologische Befund der oberbayerisch/schwĂ€bischen Schotterebene gewesen sein. Um Landsberg ist eine ausreichend tiefe Kiesschicht vorhanden, in die man Fundamente setzen konnte. Zugleich war der Kies als Betonzuschlagstoff geeignet. Der Grundwasserspiegel lag ausreichend tief.

Zudem gab es einige strukturelle Vorteile, die nur hier zu finden waren: Schon 1939 waren um Landsberg militĂ€rische Bauwerke entstanden. SĂŒdlich der Gemeinde Igling hatte sich die „Wirtschaftliche Forschungsgemeinschaft“ angesiedelt. Im gleichen Jahr wurde sĂŒdöstlich von Igling mit dem Bau einer Sprengmittelfabrik der „Dynamit Aktiengesellschaft (DAG)“ begonnen. Seit den frĂŒhen vierziger Jahren wurde der Wildfluß Lech zur Stromerzeugung genutzt. Die „Bayerische Wasserkraft AG (Bawag)“ bot mit ihren Kraftwerken eine unabhĂ€ngige Energiequelle fĂŒr den immensen Strombedarf des RĂŒstungsprojektes. Außerdem befanden sich der Übungsflugplatz fĂŒr die neuen Strahlflugzeuge „Me 262“ in Lagerlechfeld in unmittelbarer NĂ€he. Hinzu kamen die Produktionsmöglichkeiten fĂŒr Bombensprengstoffe und Jagdmunition in den Hallen der „DAG“ im lglinger Wald.

FĂŒr die Großbaufirmen des Raumes MĂŒnchen war dieser Bau hochwillkommen; sie konnten nach dem Bombenangriff vom 25. April 1944 ihren Maschinenpark außer Gefahr bringen und gewinnbringend einsetzen. Am 15. Mai 1944 beginnen die Maschinen der Firma Leonhard Moll 230.000 Quadratmeter Wald westlich von Landsberg zu roden. Zehn Tage spĂ€ter, am 25. Mai 1944, wird mit dem Erdaushub fĂŒr die Gewölbefundamente begonnen.

Am 21. Mai 1944 treffen sich fĂŒhrende Baufachleute des Reichsluftfahrtministeriums, der erst wenige Wochen zuvor ernannte Leiter des „Vereinigten Amtes Bau/OT“ Generalbaurat Weiß aus der „OT“ Paris, Großbauplaner Dischinger mit fĂŒhrenden Vertretern der bayerischen Bauindustrie, unter ihnen Leonhard Moll.

Die Mitglieder der Baueinheiten der Luftwaffe, Oberbaurat Wirth und Baurat Neuhaus, werden in die „OT“ eingegliedert. Sie sollen unter dem Tarnnamen Oberbauleitung „Ringeltaube“ die unterirdischen Flugzeugwerke u.a. fĂŒr die Fertigung der „Me 262“ errichten. Die einzelnen Werke erhalten die Namen: „Weingut II“, Walnuß II“ und „Diana II“. FĂŒr „Weingut II“, das die Firma Moll baut, wird der 31. November 1944 als Fertigungstermin festgesetzt.

Dieser Termin erscheint den beiden Baufachleuten unmöglich. Schon beim Überschlagen können sie feststellen, dass sicherlich eine Million Kubikmeter Erde bewegt und 310.000 Kubikmeter Beton fĂŒr den Rohbau verwendet werden mĂŒssen.

Die Großbaustelle Weingut II: Sklavenarbeit fĂŒr die Firma Leonhard Moll

Die RĂŒstungsbauten von Kaufering sollten die gesamte Flugzeugproduktion aufnehmen, der Großbau von MĂŒhldorf, der vierte Großbau auf bayerischem Boden, sollte die Flugzeugmotorenwerke beherbergen. Dorsch hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ArbeitskrĂ€fte zu erhalten. Sicher waren ihm jedoch nur 2.000 bis 3.000 Arbeiter von den OT-Bauten in Frankreich, vom Bau des Atlantikwalles. Die anderen Arbeiter ließen auf sich warten. Die „OT“ benötigte 22.000 ArbeitskrĂ€fte um den Großbau termingerecht fertigzustellen. Neben Hitlers Zusage, Himmler anzuweisen, Juden als ArbeitskrĂ€fte zur VerfĂŒgung zu stellen, war auch Göring auf den ReichsfĂŒhrer SS zugekommen, „mir fĂŒr die LuftwaffenrĂŒstung noch eine möglichst große Anzahl von KZ-HĂ€ftlingen zur VerfĂŒgung zu stellen, da die bisherige Erfahrung diese ArbeitskrĂ€fte als sehr brauchbar herausgestellt hat. Die Luftkriegslage macht die Verlegung der Industrie unter die Erde erforderlich! Gerade hierbei lassen sich die KZ-HĂ€ftlinge arbeitsmĂ€ĂŸig und lagermĂ€ĂŸig zusammenfassen. Zwischenbesprechungen haben zwischen meinen und Ihren Dienststellen bereits stattgefunden, fĂŒr eine UnterstĂŒtzung bei der DurchfĂŒhrung dieser Aufgaben wĂ€re ich Ihnen besonders dankbar“

In einem Eiltelegramm des Chefs des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, Oswald Pohl vom 24. Mai 1944 an den ReichsfĂŒhrer SS, Heinrich Himmler, erkundigt sich dieser ĂŒber die ungarischen Judentransporte nach Auschwitz:

„Die ersten Judentransporte aus Ungarn lassen erkennen, daß etwa 50 Prozent der arbeitsfĂ€higen Juden auf Frauen entfallen. Da wir fĂŒr diese große Zahl Frauen reine Frauenarbeit in entsprechendem Umfang nicht haben, mĂŒssen wir diese fĂŒr Baumaßnahmen der OT einsetzen. lch bitte um Genehmigung, die OT ist einverstanden. Heil Hitler, Pohl.“

Zynisch und entlarvend antwortete Himmler am 27. Mai 1944:
„Mein lieber Pohl! SelbstverstĂ€ndlich sind jĂŒdische Frauen fĂŒr Arbeit einzusetzen. Man muß in diesem Fall lediglich fĂŒr gesunde ErnĂ€hrung sorgen, hier ist ErnĂ€hrung mit RohkostgemĂŒse wichtig. Vergessen Sie nicht die Einfuhr von Knoblauch in ausreichender Menge aus Ungarn.
Heil Hitler! lhr getreuer Himmler.“

Beide SchriftstĂŒcke werden als „geheime Reichssache“ eingestuft. Damit waren die Verbindungen zwischen allen Gruppen im „JĂ€gerstab“ geschaffen.

Wenn auch die „OT“ nur arbeitsfĂ€hige KZ-HĂ€ftlinge fĂŒr ihre Baustelle wĂŒnschte, so war es erklĂ€rtes ZieI der SS, daß die Arbeitskaft der jĂŒdischen KZ-HĂ€ftlinge innerhalb von drei Monaten erschöpft sein sollte. Die industrielle Verwendung der jĂŒdischen Sklavenarbeiter bedeutet ihre Vernichtung durch die auferlegte Arbeit. So nahm in den Konzentrationslagern von Kaufering/Landsberg die planmĂ€ĂŸige „Vernichtung durch Arbeit“ ihren Anfang.

Vermerk ĂŒber die Ankunft von 1000 jĂŒdischen KZ-HĂ€ftlingen in Kaufering

Die Baustelle war schon einen Monat in vollem Betrieb, als am 20. Juni 1944 die ersten 1.000 jĂŒdischen KZ-HĂ€ftlinge eintreffen, ungarische Juden, die die Selektion in Auschwitz ĂŒberstanden hatten. Nach tagelanger Fahrt durch das Reich kommen sie völlig erschöpft am Kauferinger Bahnhof an. Sie werden aus den Waggons getrieben und mĂŒssen das von OT-Arbeitern errichtete erste Konzentrationslager nahe der Bahnstrecke Kaufering – Landsberg „beziehen“. Xaver Dorsch gibt an, daß 60 Prozent der ArbeitskrĂ€fte aus den jĂŒdischen Konzentrationslagern von Kaufering stammten. Bei 22.000 ArbeitskrĂ€ften mĂŒssen also mehr als 13.000 Zwangsarbeiter jĂŒdische KZ-HĂ€ftlinge gewesen sein.

Die Mitglieder des ,,JĂ€gerstabes“ unternehmen bis zum 22. Juni 1944 insgesamt neun Reisen zu den verschiedensten FlugzeugproduktionsstĂ€tten im Reich. WĂ€hrend der letzten JĂ€gerstabsreise gibt Göring einen Erlaß heraus, der die LuftrĂŒstung in das RĂŒstungsministerium Speer ĂŒberleitet. Am 23. Juni kann Stabsleiter Saur feststellen, die Produktion der JĂ€ger sei auf 3.115 Maschinen, gegenĂŒber 1.323 Maschinen im Februar, gestiegen. Nach der Übertragung der LuftrĂŒstung an das RĂŒstungsrninisterium wird der „JĂ€gerstab“ aufgelöst. Seine Aufgaben ĂŒbernimmt der „RĂŒstungsstab“, der seine Schwerpunkte auf Munitionsproduktion, Panzerbau, Waffenherstellung, Flugzeug-, Schiff- und Fahrzeugbau ausdehnt. Der bisherige Stabsleiter des „JĂ€gerstabes“ wird zum stellvertretenden Stabsleiter des „RĂŒstungsstabes“. Die RĂŒstungsbauten von Kaufering werden fortgesetzt. Dann werden zunĂ€chst die Aushubarbeiten bei ,,Walnuß II“ gestoppt, im November schließlich die Holzmann-Baustelle „Diana II“ zugunsten des Großbunkers ,,Weingut II“ eingestellt. Der Bau von „Weingut II“ wird bis Ende MĂ€rz 1945 unter der Oberbauleitung der „Organisation Todt“ betrieben.

Organisationsdiagramm: OT-RĂŒstungsbauten unter der Oberbauleitung „Ringeltaube“

Am 27. MĂ€rz 1945 ĂŒbertrĂ€gt Hitler die Bauleitung an den ObergruppenfĂŒhrer der SS, Dr. Kammler. Durch diesen Vorgang werden die beiden noch verbliebenen „Weingut I“ in MĂŒhldorf und „Weingut II“ im Westen von Landsberg in die HĂ€nde der SS gegeben und unterstehen von diesem Zeitpunkt an dem ReichsfĂŒhrer SS.
Kammler war fĂŒr Landsberg zustĂ€ndig, dem ehemaligen Kommandanten des KZ Dachau, Martin Gottfried Weiß, wurde MĂŒhldorf unterstellt. Die noch verbliebenen RĂŒstungsbaustellen waren der „OT“ entzogen. Die stĂ€ndigen internen Auseinandersetzungen innerhalb des „RĂŒstungsstabes“ waren damit beendet.

Weiß wurde nach dem Krieg zum Tode verurteilt, in Landsberg hingerichtet und auf dem Kriegsverbrecherfriedhof Spötting begraben. In diesem einen Monat, in dem die SS die FĂŒhrung der RĂŒstungsbauten und der Konzentrationslager in ihrer Hand vereinigte, stieg die Zahl der ermordeten jĂŒdischen KZ-HĂ€ftlinge rapide an. Bis zur Befreiung am 27. April 1945 wurden in den Konzentrationslagern von Kaufering/Landsberg wenigstens 14.5005 KZ-HĂ€ftlinge ermordet. Das war die HĂ€lfte der HĂ€ftlinge, die wĂ€hrend der zehn Monate, die das KZ-Kommando Kaufering bestand, hierher verschleppt worden waren.

In seinem Bericht, „Der Einfluß des Luftkrieges auf die deutsche RĂŒstungsproduktion“, zieht Karl Otto Saur die Schlußfolgerung: „ WĂ€re dieser Großeinsatz fĂŒr die Betonwerke nur wenige Monate frĂŒher praktisch verwirklicht worden, so wĂ€re von dieser Seite noch eine sehr positive Beeinflussung der RĂŒstungsfertigung möglich gewesen.“ Saur hat sich in diesem Bericht nur der bautechnischen Seite zugewandt, die tausendfachen Morde an den jĂŒdischen KZ-HĂ€ftlingen, die fĂŒr dieses Wahnsinnsprojekt ihr Leben lassen mußten, hat er gĂ€nzlich außer acht gelassen.

  1. Auf der Casablanca-Konferenz (Codename: Symbol) im Januar 1943, auf der die Alliierten ihre weiteren KriegsplĂ€ne gegen die AchsenmĂ€chte festlegten, wurde der Grundstein fĂŒr die „Combined Bomber Offensive“ gelegt. Combined Bomber Offensive bezeichnet den strategischen Luftkrieg der anglo-amerikanischen Alliierten gegen das Deutsche Reich von 1943 bis 1945. Die „Combined Bomber Offensive“ entsprang dem BemĂŒhen der Alliierten, den militĂ€rischen Druck auf Deutschland aufrechtzuerhalten. Als PrimĂ€rziel wurde u.a. die Flugzeugindustrie definiert. ↩
  2. Big Week (Codebezeichnung: Operation Argument): im Februar 1944 wurde eine große Zahl alliierter Luftangriffe auf speziell ausgewĂ€hlte Ziele der deutschen RĂŒstungsindustrie durchgefĂŒhrt. Die US-Airforce und die Royal Airforce beabsichtigten, die deutsche Luftwaffe durch Zerstörung der deutschen Flugzeugwerke und der Jagdflugzeuge nachhaltig zu schwĂ€chen. ↩
  3. Am 21. April 1944 wurde von Adolf Hitler durch FĂŒhrererlaß Ministerialdirektor Xaver Dorsch beauftragt sechs JĂ€gerbauten zu errichten. FĂŒhrererlass vom 21. April 1944, (Bundesarchiv Freiburg, RL 3/1637) ↩
  4. In der JĂ€gerstabsbesprechung vom 24. Mai 1944 wurden sechs Standorte festgelegt: Bedburg – Kaufering: Deckname: Diana II – Kaufering: Deckname: Weingut II – Kaufering: Deckname: Walnuss II – MĂŒhldorf/Inn Deckname: Weingut I – Protektorat Böhmen und MĂ€ren (Bundesarchiv, Freiburg , RL 317) ↩
  5. Nach gegenwĂ€rtigem Wissensstand wurden in zehn Monaten 23.000 KZ-HĂ€ftlinge in den KZ-Lagerkomplex von Kaufering/Landsberg deportiert. 6.500 namentlich bekannte KZ-HĂ€ftlinge ĂŒberlebten die KZ-Lager nicht und liegen in den MassengrĂ€bern um Kaufering und Landsberg. Nach Auschwitz-Birkenau und in andere Konzentrationslager â€žĂŒberstellte“ und dort ermordete KZ-HĂ€ftlinge, sowie die Opfer des Todesmarsches sind in dieser Zahl nicht berĂŒcksichtigt. ↩