🔊Albert Fuchs als Schreiber im SS-Arbeitslager Landsberg – Ein Germanistikprofessor und SchĂŒler von Thomas Mann beschreibt das Lager

aufbereitet von Manfred Deiler.
Erstveröffentlichung in: Landsberg im 20. Jahrhundert – Themenhefte zur Landsberger Zeitgeschichte – Heft 5: Das SS-Arbeitslager Landsberg 1944/45: Französische WiderstandskĂ€mpfer im deutschen KZ – ISBN: 3-9803775-4-7.

Am 14. Juli fahren wir nach Landsberg am Lech: In das SS-Arbeitslager Landsberg am Lech. Wir sind 350, ungefĂ€hr 330 davon sind Franzosen. Es ist ein wirklicher GlĂŒcksfall, dass wir unter Landsleuten sind. Wir fahren unter der Bewachung von 30 schon Ă€lteren harmlosen MĂ€nnern, die der Luftwaffe angehören, stehend auf Lastwagen. Sie sind gutmĂŒtig, solange der SS-ScharfĂŒhrer, der Kommandant des Zuges, nicht in der NĂ€he ist. Wenn er da ist, zittern sie und werden hartherzig.

In Landsberg – oder genauer vier Kilometer von Landsberg entfernt – sind wir in einer Turnhalle untergebracht, einem Steinbau, gut beleuchtet, gut gelĂŒftet, ausreichend groß fĂŒr uns. Jeder wird sein Bett haben, sogar mit Leintuch. Jeder wird auch einen Stuhl haben und seinen sicheren Platz an den langen Tischreihen, wo wir unsere Mahlzeiten einnehmen werden. Um unser GebĂ€ude herum gibt es Landschaft; wenig Raum fĂŒr Menschen, die man eben der Freiheit entrissen hat, aber viel Platz fĂŒr uns, die wir aus Dachau kommen. Es gibt einen Ort, von dem man Ausblick auf Wiesen, auf Gruppen von Birken und Weiden, einen kleinen Tannenwald und die Kirche eines Dorfes hat. Wir werden oft hingehen und von dieser Aussicht trĂ€umen, obwohl wir dort nur zwei Meter von den GerĂ€uschen und dem Gestank der Latrinen entfernt sind.

In der anderen Richtung, jenseits eines Sportplatzes, sind die GebĂ€ude des Flugplatzes, des „Fliegerhorstes“, des Schlupfwinkels der Flieger. Lang und niedrig, erinnern sie mich eher an ein Kloster als an Kasernen. Eines der GebĂ€ude ist schwer von einer Bombe getroffen worden, es ist demoliert. Die R.A.F. ist darĂŒber hinweggeflogen. und es erinnert uns jeden Tag daran, dass sie wiederkommen kann, wenn es ihr gefĂ€llt. (…) Es gibt Luft, es gibt Raum und die wiedergekehrte Hoffnung, die irgendwie spĂŒrbar ist. Nach Dachau ist es fast ein Paradies. „Ihr glaubt es nicht, aber das hier ist ein Sanatorium“, sagt unser Lagerschreiber, der SekretĂ€r des Lagers. Nein, wir glauben es noch nicht, aber am Ende des Aufenthalts, nach gewissen Erfahrungen, werden wir diesem Veteranen recht geben, diesem Fachmann der Konzentrationslager, diesem alten Lagerhasen.

Turnhalle im Fliegerhorst Penzing

Der Lagerschreiber ist in der Tat schon zwölf Jahre in Haft. Er ist ein gebildeter Mann. Als Spross einer Familie recht wohlhabender Drucker, wurde er durch seine pĂ€dagogischen Neigungen Lehrer an einer Mittelschule, dann kam er als militanter Kommunist ins KZ, in eine ganze Reihe von Lagern. Er hat alles gesehen und erlebt, was man dort sehen und erleben kann. Er sah Kameraden, unwissende Lebewesen, die um die KĂŒchen strichen und von den Köchen niedergeschlagen, in eine Baracke geworfen, mit anderen formlosen Fleischmassen zu einer anonymen Masse wurden, die von Zeit zu Zeit ins Krematorium entleert wurde. Mit einem anderen HĂ€ftling hat er einen dort herausgezogen, der beim Appell gestorben war, um dessen Brotration zu bekommen. Er sah Akte von Kannibalismus, der auch die Hoden der Leichen nicht verschonte. Man band ihm die Arme auf den RĂŒcken und hĂ€ngte ihn daran auf. So lernte er die Strafe des ,,BaumhĂ€ngens“ kennen. Er verbrachte Wochen totaler Isolierung aufrecht stehend im Bunker. Er nahm an Kommandos teil, deren StĂ€rke sich in 14 Tagen um drei Viertel verringerte. Er weiß nicht mehr, wie es ihm gelungen ist zu ĂŒberleben. Und er blieb sich selbst treu. Er ist einer jener wenigen Deutschen, denen ich persönlich fĂŒr die Arbeit nach dem Kriege Vertrauen schenken wĂŒrde. Eines Tages sagt er mir: „Deutschland ist im Begriff zu verlieren, wie im Jahr 1914. Aber ich bin nicht sicher, ob es von seinem Militarismus geheilt sein wird.“ (…) Im November wird er zur Untersuchung und Isolation nach Dachau ĂŒberstellt. Er fĂ€hrt mit viel Angst. Er glaubt, dass er Dachau nur ,,durch den Kamin“ verlassen wird. Im MĂ€rz 1945 soll er noch gelebt haben.

Sein Nachfolger ist nicht soviel wert wie er. Er ist Österreicher, der behauptet, politischer FlĂŒchtling in Frankreich gewesen zu sein. Aber wie – ich meine, mit welchen ehrlichen Mitteln – kann er dann nach dem Juni 1940 in der Organisation Todt eine Stellung von gewisser Wichtigkeit erhalten haben? Und weshalb ist er im KZ? Und warum hat er Angst, nach Frankreich zurĂŒckzugehen? So viele Fragen, auf die wir keine prĂ€zisen Antworten finden. Ich bin um so mehr beunruhigt, weil dieser Mensch in der Art und Weise, wie er einen Gegenstand nimmt, die GewalttĂ€tigkeit eines gefĂŒhllosen Tieres und in seinen Augen die Energie des Verbrechers zeigt.

Ich bin bei GesprĂ€chen dabei, die er mit dem LagerfĂŒhrer, dem letzten und gefĂ€hrlichsten unserer drei SS-MĂ€nner, fĂŒhrt. Wirklich! Selbst diese Kanaille, die alle schmutzigen Tricks auf beiden Seiten der Barrikade kennt, muss eingestehen, dass sie entwaffnet ist: „Man kann dir nie was nachweisen, du Lump!“ Ich selbst fĂŒhle eine Antipathie, die sich dem Ekel nĂ€hert, ja manchmal sogar Ekel ist. Seine scheußlichen ZĂ€hne fĂŒgen noch eine physische Abscheu hinzu. Ich arbeite schlecht unter seinem Befehl, weil, meiner Meinung nach, gut arbeiten sich nahe kommen heißt. Wir haben heftige Auseinandersetzungen. Aber ich muss zugeben, dass er es den HĂ€ftlingen gegenĂŒber niemals an LoyalitĂ€t hat fehlen lassen. Die VerdĂ€chtigungen der Kameraden haben nicht den Schatten eines Beweises finden können. Und in einer bestimmten AffĂ€re, die durch meine Unachtsamkeit hervorgerufen wurde und die, je nach der Laune unseres Chefs, mir hĂ€tte teuer zu stehen kommen können, hilft er mir, mich in Sicherheit zu bringen. Einige Zigaretten, die ich ihm anbiete, besiegeln den Abschluss eines dauernden Waffenstillstandes.

Auszug aus dem Lagerbuch – Alfred Fuchs

Der LagerĂ€lteste, der HĂ€ftling, der vom LagerfĂŒhrer beauftragt ist, unseren Kerkermeistern die innere Disziplin zu gewĂ€hrleisten – ein Kamerad bezeichnet ihn grimmig als, „unseren PĂ©tain“ – ist ein schönes Vieh ohne geistige oder moralische Bildung. Zum Überfluss zerrĂŒttet ihn seine ĂŒberhitzte und vielleicht verdrehte SexualitĂ€t, der Alkohol, den er selbst herstellt (die Götter allein wissen wie) und der grausame und eitle Durst nach Herrschsucht. Er hasst alles, was seinen Verstand ĂŒbersteigt – und so ziemlich alles ĂŒbersteigt seinen Verstand. Um uns die Illusion seiner durchdringenden Überlegenheit zu vermitteln, prĂŒft er uns mit forschenden und finsteren Blicken, die uns Furcht einjagen sollen und doch nur seine eigene Unsicherheit verstĂ€rken. Er, dieser feierliche Schwachkopf, dieser aus dem Gleichgewicht gebrachte Verbrecher. Er brĂŒllt wie ein Hysteriker. Er schlĂ€gt und teilt Fußtritte aus – er, selbst ein HĂ€ftling. Bald kommen wir auf den Gedanken, dass „dieses Schwein kein Politischer sein kann“. In der Tat, es wird bekannt, dass der Schweinehund ein gewöhnlicher Verbrecher ist. Er wird im August oder September wegen einer schweren Beleidigung des LagerfĂŒhrers – sie haben sich ĂŒbrigens zusammen besoffen – abgesetzt und nach Memmingen ĂŒberstellt. Im Mai 1945 erfahren wir mit ungetrĂŒbter Freude, dass er gehĂ€ngt wurde. Er hatte GoldzĂ€hne aus dem Mund von Leichen gestohlen.

Er wird durch einen Kameraden ersetzt. Einen etwa 32jĂ€hrigen Schuster und Kommunisten. Er hat schon elf Jahre KZ hinter sich und eine Philosophie erworben, die uns manchmal lĂ€cheln lĂ€ĂŸt. „Nur die ersten fĂŒnf Jahre sind schwer,“ sagt er mir eines Tages, „dann hat man sich daran gewöhnt.“ Dieser Mann hat sich seine physische und moralische Reinheit vollkommen bewahrt. Er hat sein ganzes GefĂŒhl fĂŒr Haltung beibehalten. Er ist immer und ĂŒberall Herr seiner selbst, ohne in KĂ€lte und Verachtung zu erstarren. Er leugnet niemals, dass er HĂ€ftling ist. Er steht auf unserer Seite. Im BĂŒro bewundere ich oft den ruhigen Mut, mit dem er seine Sicht der Dinge und unsere Sache gegenĂŒber einem wĂŒtenden SS-Mann verteidigt. Im April flieht er. Ich weiß nichts ĂŒber sein weiteres Schicksal.
Neben dem Lagerschreiber und dem LagerĂ€ltesten arbeiten noch ein Magaziner, ein kleiner lĂ€chelnder Schwabe, wortkarg, klug aber loyal, dann ein KĂŒchenchef, der nichts von der Kochkunst versteht, ein böser und feiger Pole, als Mitglieder im HĂ€ftlingsstab. Einige von uns verdĂ€chtigen den Koch der eintrĂ€glichen Schieberei mit Lebensmitteln.

Tatsache ist, dass er mich von einem bestimmten Zeitpunkt an seine BuchfĂŒhrung nicht mehr ins Reine ĂŒbertragen lĂ€ĂŸt. Nebenbei bemerkt: Als Dachau mich zum Lagerdolmetscher von Dachau ernannt hat, hat der Lagerschreiber mir die Funktionen eines Hilfsschreibers anvertraut. Auf einen Ă€hnlichen Posten hat er meinen Kameraden Marcel Miquet gesetzt, der ein treuer und verlĂ€ĂŸlicher Freund wird. Nicht wahr, Miquet, alter Kamerad, wir haben viele Dinge zusammen gesehen? Zuerst hinten, im großen Gemeinschaftssaal, dann in der kleinen fast klösterlichen Zelle, wo wir zum Schluss gearbeitet haben. Zwischen ihren weißgekalkten WĂ€nden haben wir mehr als einmal das GefĂŒhl erlebt, das ein Dompteur im KĂ€fig eines schlecht gezĂ€hmten Tigers haben muss. Dort werde ich die drei SS-Leute ganz aus der NĂ€he erleben, die sich als Chef unseres Lagers abwechseln werden.

Der erste dĂŒrfte ursprĂŒnglich kein SS-Mann gewesen sein. Es scheint, dass er seinerzeit als HĂ€ftling in ein Lager gebracht wurde und dann unter der Bedingung, der SS beizutreten, entlassen wurde. Er hat keine Bildung. Wenn der Lagerschreiber das BĂŒro verlĂ€ĂŸt, wo er die Tagesbefehle entgegengenommen hat, stöhnt er: „Viel VergnĂŒgen, Fuchs, wie der Schuft das Deutsche mißhandelt!“
Er mißhandelt es in der Tat, und wir sind gezwungen, seinen Wortschatz und seine Grammatik einer orthographischen Behandlung zu unterziehen.

Was viel schwerer wiegt: Der Mann hat keinen Charakter. Er lĂ€ĂŸt sich treiben. Wenn der LagerĂ€lteste sich mit ihm befasst, dann liegt fĂŒr die HĂ€ftlinge Sturm in der Luft. Wenn der Lagerschreiber mit ihm spricht, dann geht fĂŒr uns alles gut. Aber in bestimmten FĂ€llen, in Disziplin- oder Prestigefragen, handelt er selbstĂ€ndig. Im Oktober verlĂ€sst er uns. Der Ehrgeiz verzehrt ihn. Er will ein viel grĂ¶ĂŸeres Lager leiten. Man ĂŒbertrĂ€gt ihm das Judenlager in Kaufering. Er hat sich daran gewöhnt, mit seinem Landsberger BĂŒro zu arbeiten und möchte uns dorthin mitnehmen. Doch nach seinem ersten Besuch dort sagt er uns: „Ihr bleibt hier. In Kaufering ist es zu fĂŒrchterlich, Ich will euch nicht einem solchen Leben aussetzen.“ Eines Tages ließ er uns doch dort hinkommen. (…) Es war tatsĂ€chlich grauenhaft. Es war eine Hölle, eine Hölle aus Schmutz, Gestank, halbnackten wandelnden Skeletten, eine Hölle aus lebenden Toten und Irren, von der Gangsterbande der SS zur Ausrottung bestimmt. Ich frage den Lagerschreiber: „Warum lĂ€ĂŸt er uns in Landsberg? Woher kommt diese plötzliche menschliche Regung?“ Er antwortet mir: „Der Typ ist im Grunde nicht ganz schlecht. Er ist nur zu weich. Und er sieht, dass die Sache fĂŒr die Nazis schieflĂ€uft. Da schafft er sich eben ein Alibi.“

Auch der zweite LagerfĂŒhrer ist, glaube ich, ursprĂŒnglich kein SS-Mann. Er erinnert mich zu sehr an den Typ des alten deutschen Feldwebels, der zu einem subalternen FunktionĂ€r geworden ist. Er ist ebenso gebildet wie sein VorgĂ€nger. FĂŒr uns im BĂŒro hat das den Vorteil, dass er alles unterschreibt, ohne etwas davon zu verstehen. Er langweilt sich. In seinem schlecht gebildeten Geist scheint er die vage Vorstellung zu haben, dass die Ereignisse in Großdeutschland eine beunruhigende Wende nehmen. Eine Art Pessimismus, ja, Nihilismus scheint ihn zu befallen. Er sagt zu oft: „Scheiße!“ und seufzt. Immerhin nimmt er die Disziplin ernst. Wenn er auch keine Fußtritte gibt – vielleicht wegen seines Rheumatismus – so versteht er sich doch auf Kollektivstrafen.
Nach zwei oder drei Wochen entfernt er sich ohne Erlaubnis fĂŒr einen Tag aus dem Lager. Im BĂŒro herrscht Freude, dass der Chef nicht da ist. Wir erledigen die laufenden GeschĂ€fte, dann plaudern wir. Plötzlich kommt ein Kamerad aus der KĂŒche, von wo aus der Zugang zum Lager ĂŒberwacht werden kann: „Achtung! Ein Auto mit Offizieren!“ Eine Minute spĂ€ter stĂŒrzt eine Gruppe von drei oder vier SS-MĂ€nnern mit der Gewalt eines Rammbocks, der eine Mauer durchbricht, in den Raum. Vorneweg ein SS-Offizier, tadellos gekleidet, fest geschnĂŒrt.

Der Lagerschreiber springt auf, steht stramm, zitternd und verkrampft, wie ich es noch nie gesehen habe. (…) Mit schneidender Stimme stellt der Offizier einige Fragen, mit der Schnelligkeit und PrĂ€zision eines kompetenten Mannes, der einen Untergeordneten prĂŒft. „Wo ist der LagerfĂŒhrer?“ „Ich weiß es nicht, er hat das BĂŒro verlassen…“ Der Offizier macht eine Kehrtwendung und geht hinaus, wie er herein kam. Sein gestiefeltes Gefolge ihm nach. Vor dem BĂŒro meldet ein hektographiertes Blatt die Abwesenheit des LagerfĂŒhrers und bestimmt die zeitweilige Vertretung. Es wird in fast wĂŒtender Eile gelesen, dann schroff abgerissen und eingesteckt. Es ist ein BeweisstĂŒck.

Drei Tage spĂ€ter kommt ein neuer LagerfĂŒhrer. Es ist Willi Wagner, SS-OberscharfĂŒhrer, asthmatisch, dickbĂ€uchig, dickarschig, auf zu mageren Kuhbeinen. Er hat einen groben, brutalen Mund. Ist eine Hasenscharte eigentlich ein Indiz fĂŒr eine syphilitische Vererbung? Um den Kopf zu drehen, reicht sein Hals allein nicht aus, der ganze Rumpf bewegt sich mit. Zum Willkommen sieht er uns mit kalten und grausamen Augen an, ohne ein Wort zu sagen. Er spricht eigentlich nie; er kreischt oder brĂŒllt. Obwohl er schnell kurzatmig wird, bringt er sich stĂ€ndig in Wut. Wir erfahren spĂ€ter, dass seine Exzesse in Dachau, wo seine WutausbrĂŒche allein in der WĂ€scherei und in der Desinfektion etwa 40 Tote zur Folge hatten, selbst von der SS-Verwaltung bestraft wurden. Seine HĂ€nde, deren Form und Bewegungen zu betrachten ich Gelegenheit habe, charakterisieren ihn auch: Sie sind ziemlich mager. Sie haben sicherlich nicht die Kraft, jemand mit einem Hieb niederzuschlagen, selbst wenn die Armmuskeln dazu krĂ€ftig genug wĂ€ren. Vielleicht können sie jemanden erwĂŒrgen, aber sie können bestimmt Folterinstrumente bedienen – ich weiß nicht, welchen elektrischen Hochspannungsapparat, welches rot glĂŒhende Eisen, das ĂŒber die Haut eines gefesselten Körpers streicht. Es wird uns nicht wundern, dass er ein Feigling ist. WĂ€hrend der Luftangriffe ist er nervös. Mehr als die Sandgrube und den Tannenwald, wo wir HĂ€ftlinge so gut es geht in Deckung gehen mĂŒssen, liebt er seinen Privatunterstand, acht Meter unter der Erde. Sein Revolver liegt immer in Reichweite auf seinem Arbeitstisch. Wenn er auf die Toilette geht, die dem BĂŒro direkt gegenĂŒber liegt, vergisst er niemals, die Waffe mitzunehmen. Ludwig XIV. muss weniger feierlich gewesen sein, wenn er sich auf seinen Nachtstuhl setzte.

„Hasenschnautze“ Wilhelm Wagner

Willi Wagner hat jenen Funken von GrĂ¶ĂŸenwahn, der unentbehrlich ist, um einen Menschen in einen SS-Mann zu verwandeln. Er will bedient werden, wie es nur ein ParvenĂŒ schlimmster Art verlangen kann. Er geht ein und aus, ohne die TĂŒr zu schließen. FĂŒr diesen Lakaiendienst sind die HĂ€ftlinge da. WĂ€hrend er ißt oder seine Zeitung liest, muss man ihm die Stiefel wichsen, die er an den FĂŒĂŸen behĂ€lt. Man muss einen Friseur kommen lassen, der niemals rasch und gut genug arbeitet. Man muss ihm warmes Wasser holen, damit er sich im BĂŒro waschen kann. Ach, die Schmach dieses Bauches und des Hinterteils! Man muss Wasser fĂŒr seine Mundpflege bereit halten. Jeden Abend habe ich das VergnĂŒgen, an meiner Schreibmaschine zu sitzen und ein schwaches metallisches GerĂ€usch hinter mir zu hören: das Gebiß verlĂ€ĂŸt das Zahnfleisch. Das nĂ€chste GerĂ€usch: die ZahnbĂŒrste, die es reinigt. Eine Hand wird ausgestreckt und legt mir die Zahnprothese „seiner Scheußlichkeit“ auf den Tisch. Anschließend setzt sich das Individuum wieder an den Tisch und wir sehen und hören ihn essen. Manchmal furzt er. (…)

Wir sind nur dazu da, ihn zu bedienen oder Objekte seiner moralischen oder psychischen Erniedrigungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungsversuche zu sein. Er verlangt von mir, dass ich meine Kameraden bespitzele, um ihm zu berichten, was sie tun, sagen und denken. Meine Verwunderung und Ablehnung erstaunen ihn. Als er eines Abends kein Handtuch hat, trocknet er seine HĂ€nde am Ärmel meines Kittels: „Nicht wahr, Fuchs, man muss eine Menge Beleidigungen einstecken, obwohl man UniversitĂ€tsprofessor ist!“ Ich antworte, dass„die Lage das mit sich bringt“. Er begreift nicht, sonst wĂ€re ich kaum einem Fausthieb zwischen die Augen entgangen. Hie und da, das ist wahr, will er sich entspannen. Er lĂ€ĂŸt sich herab mit seinen „Schreiberlingen“ ĂŒber andere Dinge zu sprechen als den Dienst. Er will geistreich sein, aber dieser Geist, der nur mit Stuhlgang und Geschlechtsverkehr beschĂ€ftigt ist, reicht nicht weit. Einmal bringt er uns beinahe dazu lauthals zu lachen, als bei ihm aus dem Auskultationsapparat des Arztes, dem Stethoskop, ein Horoskop wird. Erinnern Sie sich, Dr. Koenraad?

Die Form unseres Daseins wird weitgehend, fast ausschließlich, vom Zusammenspiel dieser drei Elemente – der SS, der „Prominenten“ des Lagers und uns, der Masse der HĂ€ftlinge abhĂ€ngen. Die ersten beiden SS-Leute kĂŒmmern sich verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig um uns. Sie lassen die Appelle zur festgesetzten Zeit abhalten. Die Ungeschickten bekommen dort einige FaustschlĂ€ge, einige Fußtritte. Dasselbe geschieht, wenn wir beim Fliegeralarm zu langsam in den Unterstand eilen, der im Lagerinneren eingerichtet ist. Manchmal muss eine Gruppe von Kameraden zwei bis drei Stunden strafstehen oder zehn, zwanzig, dreißig Runden um unser GebĂ€ude laufen. Unsere Betten werden durchwĂŒhlt. Wir werden bestraft, wenn sie schlecht gemacht sind – und welches Bett eines HĂ€ftlings ist schon ordentlich gemacht? Unsere Decken werden uns auf unbestimmte Zeit weggenommen. Aber im großen und ganzen werden wir nicht gezielt schikaniert. Wir werden vielmehr mit einer wirklichen GleichgĂŒltigkeit behandelt.

Wagner bringt Änderungen. Es ist wahr, dass er sich nach den in Dachau, im „Stammhaus“, wie wir ironisch sagen, erlittenen Strafen zurĂŒckhĂ€lt. Er verteilt nur in AusnahmefĂ€llen Ohrfeigen, FaustschlĂ€ge ins Gesicht, Fußtritte in den Hintern und KniestĂ¶ĂŸe in die Magengrube. Diese Auseinandersetzungen geschehen ĂŒbrigens fast immer in der strikten Abgeschlossenheit des BĂŒros, aus dem mögliche Zeugen mit einem Minimum an Umgangsformen hinauskomplementiert werden: „Miquet, Fuchs! Raus!“ Wagner versucht uns bis zur Erschöpfung arbeiten zu lassen, und es gelingt ihm. (Ich sage „uns“ aus Bequemlichkeit. Ich mĂŒĂŸte eigentlich ,,meine Kameraden“ sagen. Ich selbst war in Wirklichkeit „Schreiberling“ mit fĂŒnf oder sechs Arbeitsstunden tĂ€glich – im Sommer hatte ich es kĂŒhl, im Winter warm. Das Leben meiner Kameraden war viel hĂ€rter.) Er wendet eine der möglichen Techniken des langsamen Mordens an. Er beraubt uns der Sonntagsruhe. Er raubt uns jeden Morgen eine Stunde Schlaf und entreißt uns der relativen WĂ€rme unserer Betten, indem er uns zu frĂŒh wecken lĂ€ĂŸt. Wie ein falscher Grandseigneur lĂ€ĂŸt er jeden Tag eine halbe Stunde. eine dreiviertel Stunde auf sich warten, bis er den Appell abnimmt. Zu dieser Zeit kommen die zwölf eigentlichen Arbeitsstunden hinzu.

An- und Abtreten muss blitzschnell, militĂ€risch straff, untadelig vor sich gehen. Wagner fĂŒhrt eine weitere Neuerung ein, indem er die ArbeitsstĂ€tten und die Arbeitsleistung genau ĂŒberwacht. Bei Luftalarm, den wir meistens etwa 1.200 Meter vom Lager entfernt in einem Tannenwald oder einer Sandgrube verbringen, verbietet er uns zu rauchen und zu sprechen. Er lĂ€ĂŸt uns mit dem Gesicht zu Boden niederlegen. Wir fĂŒhlen sehr wohl, dass auch Disziplin ein Mittel ist, uns zu beugen und um ZwischenfĂ€lle zu provozieren. Vor Weihnachten lĂ€ĂŸt er sich nach den regulĂ€ren Arbeitsstunden und (mit einer Ausnahme) ohne EntschĂ€digung Spielzeug herstellen. Eines Abends tut er einen entlarvenden Ausspruch: „Schaut euch diese Kerle an! Da verlange ich eine Arbeit fĂŒr mich persönlich, und sie sind nicht zufrieden!“ An Weihnachten selbst lĂ€ĂŸt er Kaffee verschwinden, den uns das Rote Kreuz geschickt hat. Aber vor allem hört er nicht auf, im Lager eine AtmosphĂ€re nervöser Spannung und des Terrors zu verbreiten. Jeden Morgen fragen wir uns: „Was wird noch ĂŒber uns kommen.“ Und Wagner will uns auch noch unter der Verachtung leiden lassen, die er uns stĂ€ndig zeigt, die er in jede Geste, in jedes Wort legt. Wenn es nicht darum geht, uns arbeiten zu lassen oder uns zu bestrafen, sind wir, wie der treffende deutsche Ausdruck sagt, „Luft fĂŒr ihn“. Aber er muß doch fĂŒhlen, dass diese systematische Mißachtung uns zu keinem Zeitpunkt berĂŒhrt.

Das ist auch ohne Zweifel die Ursache gewisser Beschimpfungen, die er unter anderem mir als Dolmetscher als Einleitung zukommen lĂ€ĂŸt, um „den SaubĂ€lgen von Scheißfranzosen“ einen Befehl weiterzugeben. Und der Kerl bildet sich ein gerecht zu sein. Er behauptet, dass er es ist. Er sagt es uns ins Gesicht. Er glaubt wirklich daran. Als echter Deutscher fĂŒhlt er sich gerecht, weil er eine Verordnung durchfĂŒhrt. Denn jede Anordnung kommt von einer höheren AutoritĂ€t, die Herrschaft reprĂ€sentiert und ein StĂŒck Macht darstellt, die am Absoluten teilhat und respektiert und verehrt werden muss. So hat auch Wagner, hĂ€sslich, feig, brutal und in jeder Hinsicht plump versucht, die Persönlichkeit mit dem Druck von Gewalt, diesem deutschen Leitmotiv, auszulöschen, und es ist ihm gelungen, es mit der Überzeugung und Eindringlichkeit eines Virtuosen der großen Trommel begreiflich zu machen.

Ist dieser Kult der Gewalt ĂŒbrigens nicht in gleicher Weise die Grundlage des Denkens der Unteroffiziere und Soldaten der Luftwaffe, die uns bewachen? Gewiss, sie sind nicht bösartig, diese MĂ€nner von 45 oder 55 Jahren. Sie verabscheuen Wagner. An den Einsatzorten treiben sie nicht zur Arbeit an. Sie machen uns sogar darauf aufmerksam, wenn sich Wagner nĂ€hert. Wenn sie sicher sein können, dass unser gemeinsamer Oberaufseher nicht im Lager ist, gestatten sie mir, den offiziellen deutschen Heeresbericht in ihrer Wachstube mitzuhören, von wo aus sie unsere große Halle regieren. Sie wissen, dass ich so jeden Tag ein wenig dazu beitragen kann, die Moral meiner Kameraden aufrecht zu erhalten. Eine Zigarette aus den Rot-Kreuz-Paketen beseitigt ihre Skrupel. Ich unterhalte mich kurz mit dem einen oder anderen. Als sie erfahren, dass ich UniversitĂ€tsprofessor bin, werden einige verlegen.

Ich höre auf, fĂŒr sie Fuchs zu sein und werde Herr Fuchs, sogar Herr Professor genannt, bis ich ihnen sage, dass es in Landsberg am Lech nur den HĂ€ftling Fuchs gibt und fĂŒge hinzu „Ihr seid alle sehr freundlich zu uns. Ihr schikaniert uns nicht. Aber wenn Wagner, der euch schikaniert und den ihr verachtet, den Befehl gibt, mich umzulegen, uns umzulegen – schön, dann werdet ihr uns umlegen.“ Ich bekomme ohne die geringste Überraschung die klassische Antwort, die deutsche Antwort: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“

Publikationen von Albert Fuchs

Man muss verstehen, dass der Dienst keine NĂ€he gestattet, die ihn beeinflussen könnte. Einen Befehl diskutiert man nicht. Kommt er denn nicht von „oben“? Als ich das den Kameraden erzĂ€hle, macht einer von ihnen die Bemerkung, die den Kern trifft: „Es ist bekannt, dass der Boche keinen individuellen revolutionĂ€ren Mut hat.“ Und so, gestĂŒtzt auf die Furcht vor Sanktionen und die Freude an der Macht, fĂŒhrt Wagner – er ganz allein – 50 MĂ€nner: die SS, das Symbol Deutschlands.

Wir lernen das Leben aber erst vom November 1944 an in dieser HĂ€rte kennen. Im November verĂ€ndert sich auch unsere Verpflegung. Unser erster Lagerschreiber, ein im Umgang mit Menschen erfahrener Mann, hatte bei den Dornier-Werken, fĂŒr die wir arbeiteten, fĂŒr uns bedeutende LeistungsprĂ€mien durchgesetzt: im gĂŒnstigsten Fall bis zu zehn oder zwölf Mark im Monat. Unser erster LagerfĂŒhrer drĂŒckte ein Auge zu, wenn hie und da an einem Samstagnachmittag ein kleines Kommando das Lager verließ, um bei einem Bauern zu arbeiten und Kartoffeln und Kraut mitzubringen, die mit unseren PrĂ€mien bezahlt wurden und fĂŒr den Chef ein Huhn oder einige Eier. (Die unbestechliche Tugend der SS…) Es macht ihm nichts aus, wenn ein HĂ€ftling von der ArbeitsstĂ€tte „organisiertes“ (*) GemĂŒse oder andere Lebensmittel mitbrachte. Er fĂŒhrt keine Leibesvisitationen durch. Das alles verbesserte unsere tĂ€gliche Kost. Das alles wurde von Wagner aufgehoben. Wagner lĂ€ĂŸt die PrĂ€mie von Dornier herabsetzen. Er verbietet Schwarzarbeit. Er durchsucht die einrĂŒckenden Kommandos. Obwohl er mehr von unseren KrĂ€ften verlangt, schrĂ€nkt er die Mittel ein, sie wiederherzustellen. Und die KĂ€lte steht uns noch bevor. Wir sind nur unvollkommen fĂŒr sie gerĂŒstet, schlecht genĂ€hrt, erschöpft, gequĂ€lt. In ihrer einzigen, armseligen, von Feuchtigkeit durchnĂ€ssten Kleidung, kehren die Kameraden, die morgens im Dunkeln ausrĂŒcken, abends zurĂŒck in ein großes GebĂ€ude, wo sie sich weder wirklich wĂ€rmen noch ihre armseligen Lumpen trocknen können, wo sie nichts zum Umziehen haben, wo sie hungern. In meinem ganzen Leben werde ich diese Winterabende in der riesigen Halle nicht vergessen, die mit ihrer schwachen Beleuchtung noch unheimlicher und ausgedehnter erschien. Möglichst eng drĂŒckten sich die Gruppen um zwei Öfen, die armen unglĂŒcklichen Teufel, die keinen Platz gefunden hatten, traten mit verzerrten ZĂŒgen, gebeugtem RĂŒcken, die HĂ€nde in den Taschen, auf der Stelle, um sich ein wenig WĂ€rme zu verschaffen, soweit das in ihrer aus der Form geratenen, verwaschenen, durchnĂ€ssten Kleidung möglich war. Es war ein Bild, aus dem in manchen Augenblicken das Grauen eines Gruselkabinetts oder eines Marktes, auf dem „christliche Sklavenhunde“ in irgendeiner Berberstadt verkauft werden, aufstieg und dumpfe Hoffnungslosigkeit lag wie ein böser Zauber ĂŒber unseren kahlgeschorenen Köpfen.

Ohne dass es wirklich zu Misshandlungen kam, wurde uns die Scheußlichkeit des Systems in seiner ganzen Rohheit bewußt, die Absicht, uns StĂŒck fĂŒr StĂŒck zugrunde zu richten, die Technik des langsamen Todes, die eine vorlĂ€ufige wirtschaftliche Ausbeutung erlaubt. Es ist ein Dasein, das uns im höchstmöglichen Maß all dessen entblĂ¶ĂŸt, was uns am Leben erhalten könnte. Es ist die UnterernĂ€hrung, der Hunger, der dem Körper, der Seele und dem Geist aufgezwungen wird. Es ist die Ausbeutung der Arbeitskraft des menschlichen Arbeitsviehs, das wir sind. Es ist der Weg zur Ausrottung. Auch bei Krankheit werden wir keineswegs aus humaner FĂŒrsorge gepflegt, sondern aus ErwĂ€gungen praktischer Art: Die Leistungen dĂŒrfen nicht sinken. Im Übrigen ist ein HĂ€ftling nicht krank, er ist „arbeitseinsatzunfĂ€hig“.
Aber sind wir Arbeitsinstrumente, Werkzeuge, Sachen? Zu Weihnachten ist unsere Zahl auf 250 gesunken. Etwa zwanzig von uns wurden in einem Kommando nach Ostpreußen geschickt. UngefĂ€hr 80 wurden wegen ArbeitsunfĂ€higkeit nach Dachau ĂŒberstellt. Was ist aus ihnen in der Kadaverfabrik geworden? Von 6.500, die aus Puy-de-Dome deportiert wurden, sind im Juli 1945 nur 680 zurĂŒckgekehrt. Uns gelang immerhin durchzuhalten. Gerade als Wagner die zusĂ€tzlichen Lebensmittel, die von außerhalb kommen, unterbindet, treffen die ersten Pakete des Roten Kreuzes ein. Von Mitte Dezember bis Mitte MĂ€rz erhĂ€lt jeder fĂŒnf Pakete. Viele Dankesschreiben sind von Landsberg nach Genf und weiter nach Frankreich gegangen.

Die „offizielle Absenderadresse“ des SS-Arbeitslagers Landsberg

Eine andere Quelle des Trostes sind einige BĂŒcher, die aus der Bibliothek von Dachau gekommen sind. Unter diesen BĂŒchern finden sich Schriften der Hitlerpropaganda und Romane, die weder Bedeutung noch Wert besitzen. Aber es gibt auch „die Ballade vom Zuchthaus“ von Reading – wir haben sie wieder und wieder gelesen, Cavenago, mein lieber Freund! – oder „Salammbî“, wo uns der Umsturz, der Aufschwung, die EntkrĂ€ftung von Massen gezeigt wird, die uns so sehr Ă€hnlich sind, oder „L’Ascension de M. BaslĂšvre“ ĂŒber das Milieu von Lebewesen in Paris, die uns verwandt scheinen. Ich selbst entdecke wieder einmal in meinem Leben „Egmont“ und den Triumph seines „Fallt freudig!“. Die ,,Odyssee“ in der Übersetzung des alten Vaters Voss bringt mir die Erinnerung an meine Jugend und an den heidnischen Glanz griechischer Bildung zurĂŒck. In einer Anthologie englischer Lyrik begegne ich einigen bewundernswert mannhaften Versen von Browning. Und es gibt kleine und große Dinge, die nur zufĂ€llig sind, aber dennoch froh machen und ermutigen. Der KĂŒchenbulle „organisiert“ ein Huhn. Er verspeist es selbst. Unser Wagner findet nur die FĂŒĂŸe des Huhns und gerĂ€t in Rage, weil er um das GeflĂŒgelgericht geprellt wurde. Es ist ein kleiner Scherz, der erlaubt, auf Kosten des Tyrannen zu lachen. Aber es gibt auch pathetische Augenblicke: Zwei Kameraden, die bei einem Fluchtversuch ergriffen und so geschlagen werden, dass ihnen das Blut ĂŒber den nackten RĂŒcken und das Gesicht fließt, werden dem LagerfĂŒhrer vorgefĂŒhrt. Aufrecht, mit erhobenem Kopf, die flammenden Augen in die des Chefs gebohrt, des Gegners, des Feindes, sagen sie: „Wir Bedauern nichts. Bestraft uns!“ Ah! Kameraden – ich weiß nicht mehr eure Namen, verzeiht mir! – was waren wir stolz, Franzosen zu sein, als wir euch sahen…

Dann wurde unsere Moral durch den Gang der militĂ€rischen Ereignisse gestĂ€rkt. Gewiss, zwischen dem Augenblick, wo die Anglo-Sachsen und die neue französische Armee auf den Westwall stießen und dem Beginn der russischen Offensive am 13. Januar, warteten wir bald aufgeregt, bald resigniert, bald ĂŒberdreht. Aber von jenem Datum an habe ich jeden Tag die große Freude, den Kameraden, die von der ArbeitsstĂ€tte zurĂŒckkommen, gute Nachrichten ĂŒberbringen zu können. Erinnert ihr euch, Bory, Kamerad aus Billon in der Auvergne und Schuster, mein Landsmann von Bas-Rhin, aus Niederrödern, und Barontini, tĂŒchtiger Bursche aus der Provence, erinnert ihr euch, wie ihr mir „den RĂŒcken gedeckt habt“ vor der abwesenden SS, wĂ€hrend ich hinaufstieg, um den Heeresbericht von der Luftwaffe zu holen. Die ermahnte mich, wenn nötig, dringend zu gehen, um mich und sie selbst nicht zu kompromittieren? Erinnern Sie sich, Dr. Koenraad, an die wertvollen und verbotenen Karten, die Sie in Ihrem Revier gleichsam unter dem Schutz des Roten Kreuzes verwahrten, und wir jeden Tag die Fronten absteckten?

So wertvoll diese geistige Nahrung von außen auch gewesen sein mag, sie war doch nicht das Entscheidende. Das Wesentliche lag in uns selbst, in jedem von uns. Jeder von uns musste gestĂŒtzt werden und konnte auf Dauer nur durch die KrĂ€fte, die er in sich selbst fand, aufrecht erhalten werden. Jeder von uns musste seine Philosophie und seine eigene innere Welt haben, in die er sich jeden Tag zurĂŒckzog und sammelte, wenigstens wĂ€hrend einiger Augenblicke im Bett, bevor er einschlief. Die Achse dieser Philosophie, dieser Welt. ist der instinktive Lebenswille, der aber von einem anderen klaren Willen ĂŒberwacht wird: Mutter eines Vertrages mit dem Tod, im Falle wo Weiterleben eine Gemeinheit wĂŒrde. Und um diesen Mittelpunkt, um diese entblĂ¶ĂŸte und Widerstand leistende SĂ€ule, rankten sich unsere Ideen und das GefĂŒhl eines Heimwehs, eines Traumes. Der christliche Glaube, die kommunistische Überzeugung oder die Religion der MenschenwĂŒrde vereinigten sich zu einer Vision eines vergangenen und zukĂŒnftigen GlĂŒcks: Frau, Kind, Buch, ein Werk, das man schaffen will – nicht wahr, Dabouis – das in die Geschichte der Kunst Frankreichs eingehen wird?

Wir hungerten nach Freiheit und hassten Deutschland, das sie uns genommen hatte. Als Reaktion und Gegengift gegen das Verdorren durch den Hass, stieg plötzlich ZĂ€rtlichkeit auf und eine sehr starke und sĂŒĂŸe Inbrunst erblĂŒhte, die Frankreich hieß. Wir wussten, dass wir fĂŒr Frankreich Zeugnis abgelegt hatten. Das Exil bekam einen Sinn, der uns die Kraft gab, es zu ertragen. Morgen schon oder bald wĂŒrden wir den Mut haben, bis zum Abend zu marschieren. Wir wĂŒrden dem Boche nicht den Gefallen tun zu krepieren. Und spĂ€ter wĂŒrden wir uns bemĂŒhen, irgend etwas zu tun, mehr als frĂŒher, fĂŒr das Vaterland.

Darin lag unsere Kraft. Und von ihr sprachen wir auch stĂ€ndig. Wir strebten zu dem, was uns gemeinsam war, zu dem, was uns einte. Wir versuchten ZusammenstĂ¶ĂŸe zu vermeiden. Das war nicht immer möglich. (…) Aber alle lernten rasch sich zu beherrschen. Hie und da war dieser Gottesfriede nicht allein eine Haltung des höflichen und vernĂŒnftigen Opportunismus: Hie und da nĂ€herten sich die Anschauungen, die Übertreibungen wurden schwĂ€cher. Der BĂŒrger gab das Klischee vom Bolschewiken mit dem Messer zwischen den ZĂ€hnen auf. Der Kommunist begriff, dass ein Bourgeois nicht zwingend ein idiotischer Egoist, ein rĂŒckstĂ€ndiger Konservativer sein musste. Was die religiösen GegensĂ€tze betrifft, habe ich den Eindruck, dass sie niemand mehr interessierten.
Wenn die Gelegenheit dazu aufforderte oder dazu einlud, wurde diese Kameradschaft zur BrĂŒderlichkeit. Sie begann in den geschlossenen Gruppen, die sich nach bestimmten Wahlverwandtschaften bildeten, aber sie verstand auch, sich auf unsere ganze Gemeinschaft zu erstrecken. Und wenn ich auch niemals vergessen werde, wie unsere Halle trotz unseres Mutes, trotz unserer Weigerung aufzugeben, dĂŒster und traurig sein konnte, werde ich um so mehr das innere Licht und die Freude der zwei Weihnachtstage von 1944 nie vergessen. Jeder spĂŒrte im Blick des Kameraden, dem er begegnete, das Licht eines Herzens von gutem Willen. Jeder fand fĂŒr jeden ein Wort der Sympathie, der Freundschaft. Wer hatte, gab. Die Welt hörte auf, hĂ€sslich zu sein. Die Welt fand ihre Schönheit durch die Tapferkeit von Herzen wieder, die verstanden hatten, menschlich zu bleiben.

Am 8. April 1945 Ă€ndert sich unser Leben. UngefĂ€hr 200 HĂ€ftlinge kommen aus Lagern zu uns, die durch den alliierten Vormarsch erreicht oder bedroht sind. Es sind Polen, Russen, Ukrainer, Ungarn und – unter ihnen verloren – etwa zehn Franzosen. Wir sind vor Entsetzen erstarrt. Was wir sehen sind Skelette. Sie haben wahnsinnige oder tote Augen. Sie sind eingehĂŒllt in den Gestank der Dysenterie. Sie stĂŒrzen sich wie Irre auf den Kaffee, auf die Brotschnitten. Einer der Franzosen betritt mit mir unsere Halle: ,,Aber es ist ja hell bei euch! Und ihr habt Betten! (…) Ihr habt keine Wanzen! Und sie lassen euch nicht vor Hunger krepieren! Und ihr habt nur einen einzigen SSler im RĂŒcken! Aber das ist ja das Paradies!“ Und ich erinnere mich an die Worte unseres ersten Lagerschreibers: „Hier seid ihr in einem Sanatorium!“ (…)
Gegen Ende April verlassen wir Landsberg und kommen nach Kaufering. Es ist der Augenblick, wo wir Wagner zum letzten mal sehen. Er versichert uns, dass wir unter den Schutz des Roten Kreuzes gestellt wĂŒrden. Das ist falsch. In Kaufering finden wir uns wieder in den HĂ€nden der SS. Das letzte Wort Wagners ist eine LĂŒge. Dann lĂ€ĂŸt sich unser frĂŒherer LagerfĂŒhrer krank schreiben, was ihm ermöglicht, sich in einem fĂŒr sicher gehaltenen Versteck zu verbergen. Seine letzte Handlung ist eine Feigheit. Und das war eine reprĂ€sentative StĂŒtze des nationalsozialistischen Systems.

In Kaufering machen wir 21 Stunden lang die Erfahrung, unter welchen VerhĂ€ltnissen die Juden untergebracht waren. Wir leben in BuschmĂ€nnerhĂŒtten. GlĂŒcklicherweise nĂ€hert sich der Sommer. Im Winter hĂ€tte uns der flĂŒssige und vereiste Schmutz ĂŒberschwemmt. Dann kommt der Marsch nach Dachau und Allach. In der Nacht mĂŒssen wir uns gegen die Diebstahlsversuche wehren, die in brutaler und beunruhigender Weise von gewissen unserer neuen Kameraden unternommen werden, die mit uns evakuiert werden. In Allach pfercht man uns in Holzbaracken zusammen, mit Fenstern, die einfache Luken sind, vier Meter vom Boden entfernt. Die Hitze ist erdrĂŒckend und es ist erst Anfang Mai. Wir denken an unsere schöne Turnhalle in Landsberg. Wieder können wir sagen, dass wir im UnglĂŒck GlĂŒck gehabt haben.

Das Konzentrationslager Allach am 30. April 1945

Eines Nachts fallen einige Geschosse auf das Lager. Niemand von uns wird getroffen. Am nĂ€chsten Morgen ist die SS verschwunden. Die Amerikaner rĂŒcken ein. Sie stellen Wachen um das Lager, nehmen einige SS-Leute fest und richten sie hin. Sie impfen und desinfizieren uns, lassen einige Gruppen hinaus, um sich bei den Deutschen zu verpflegen und im Übrigen sind sie an uns nicht interessiert.
Um den 13. oder 14. Mai kommen Doktor und Madame Fric mit ihrem Personal, bewundernswert in ihrer Opferbereitschaft und Geschicklichkeit, um die Auvergnaten (Bewohner des Departement Auvergne, SĂŒdfrankreich) und „Assimilierten“, zu denen ich gehöre, zu holen. Dann kommt die RĂŒckfahrt in Etappen und mit unvergesslichen EmpfĂ€ngen in Straßburg, Cemay, Belfort, Besangon, Clermont, Royat. Aber das Schönste, das wir gesehen haben, so schön, dass uns TrĂ€nen in die Augen gestiegen sind und Schluchzen in die Kehle, das war die junge Armee, die Jugend Frankreichs, die Jungen von 18, 19, 20 Jahren in WĂŒrttemberg, in Baden, im Schwarzwald. (…)

Die Freude der Wiederkehr, das relative gegenwĂ€rtige Wohlbefinden dĂŒrfen uns nicht dazu fĂŒhren, dass wir vergessen. Vergessen wir nicht: Wir, die HĂ€ftlinge von Landsberg am Lech, wie auch alle anderen HĂ€ftlinge, wurden nach dieser deutschen Methode behandelt, die von Anfang an die moralische Substanz des Gegners angreift, von Anfang an den Versuch betreibt, uns zu reizen, uns zu beherrschen, uns endgĂŒltig zu Boden zu werfen. (…) Sie wollen uns unserer Persönlichkeit berauben, die der Boden ist, aus dem sich die Möglichkeiten unseres Widerstandes nĂ€hren. Sie glauben so die Ausbeutung unserer Arbeitskraft zu erleichtern – Achtung! – einer Sache, die nicht die unsere ist, die der Feind der unseren ist: Wir sind gezwungen, unsere eigene Vernichtung zu beschleunigen. Wir werden gerade so hinreichend in Form gehalten, um die gewĂŒnschte Leistung zu sichem. Wenn wir unter der Last zusammenbrechen. unterzeichnen wir praktisch unser Todesurteil.

Mögen die relativ schwachen Verluste im Lager Landsberg nicht zu optimistischen Verallgemeinerungen fĂŒhren. Ich betone nochmals, dass von 6.500 politischen Deportierten von Puy-de-Dome nur 680 Ende Juli 1945 zurĂŒckgekehrt sind. Und in welchem Zustand waren jene, die zurĂŒckkehrten?
Deutschland hat alles getan, um Frankreich und die anderen zeitweiligen Opfer zu schwĂ€chen. Es hat alles getan, sie in die Enge zu treiben, sie an den Abgrund zu stoßen, sie in den Abgrund zu stĂŒrzen. (…) Der brutale Druck, der die Lager bis zum letzten Tage niederhielt, ist nicht hinreichend mit Grausamkeit und Sadismus erklĂ€rt. Die großen nationalsozialistischen FĂŒhrer hatten prĂ€zise und praktische Ziele vor Augen und hatten entsprechende Befehle gegeben. Bis zum letzten Tag, bis zur letzten Stunde, letzten Handlung sind sie die Ungeheuer geblieben, deren Berechnungen und Spekulationen alles vorhersehen und alles vorbereiten wollten: „Die allberechnenden Barbaren“ Hölderlins.

(*)Anmerkung: Eine Sache, „organisieren“ bedeutet, sie sich gegen die offizielle Lagerordnung zu verschaffen, sogar gegen die außerhalb des Lagers gĂŒltigen Gesetze, aber dem Ehrenkodex der HĂ€ftlinge gemĂ€ĂŸ. Das MeisterstĂŒck im Organisieren in Landsberg war das Abzweigen von zwei Tonnen Kohle ins Lager durch die Geschicklichkeit und Frechheit eines HĂ€ftlings. Dazu gehörte viel Mut, denn ein SS-LagerfĂŒhrer hĂ€tte daraus einen Sabotageversuch konstruieren können.

© 2016 bei Manfred Deiler; Alle Rechte der Verbreitung durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, TontrĂ€ger aller Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und RĂŒckgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.